Natur-Tattoo

Marlis ist für mich ein echtes Vorbild, was sogenannte Makel angeht. Sie hat riesige Feuermale am Körper und trägt diese mit dem selben Stolz, wie ich meine Tattoos. Sie nennt sie auch liebevoll „meine Natur-Tattoos“. Sie kam zu mir ins Studio, um sich mit ihren Feuermalen portraitieren zu lassen. Das Paillettenkleid, welches sie sich gekauft hatte, legte nicht nur besonders viel von ihren Malen frei, sondern passte auch noch farblich dazu. Ich war beeindruckt!

Üblicherweise muss ich die Menschen vor meiner Kamera mit Engelszunge versuchen zu überzeugen, dass ihre vermeintlichen Makel gar keine sind und dass sie sie nicht verstecken sollen. Die Tragik ist häufig, dass die nahezu makellosen Menschen am heikelsten mit sich sind und Dinge an sich bemängeln, die niemand sieht außer ihnen. Dem ist sehr schwer beizukommen in einer einzigen Session. Das gibt sich erst in der Wiederholung.

Doch zurück zu Marlis. Sie präsentierte sich stolz in ihrem schönen Kleid, drehte und wendete sich immer so, dass man möglichst viel von den Feuermalen sehen konnte. Sie fühlt sich beschenkt damit, nicht verunstaltet. Ich feiere das extrem ab, weil so eine Einstellung zum eigenen Körper leider viel zu selten ist. Was auch zur Folge hat, dass ich so wundervolle Motive äußerst selten vor die Linse bekomme. Sehr viele Menschen verstecken etwas, was sie genauso gut mit Stolz herzeigen könnten. Wie viel leichter wäre das Leben?!

Der tätowierte Koch.

Olivier sprach mich an. Während ich eine Freundin am Donaukanal fotografierte, beobachtete er uns neugierig und kam danach zu uns. Nach einem lustigen Geplänkel fragte er mich, ob ich ihn nicht auch fotografieren wolle. Cool, dachte ich, muss nur ein bisschen wichtig mit der Kamera herumtun und schon sprechen mich attraktive Männer an. 

Da es ein warmer Tag war und er nur ein T-Shirt trug, sah ich seine Tätowierungen. Die sind mein Steckenpferd in der Fotografie. Tätowierte Menschen mit ihren „Geschichten“ sinnlich zu inszenieren macht mir besondere Freude. Also vereinbarte ich nach einem flotten  Interview einen Termin mit ihm im Studio.    

Es ist so erfrischend unkompliziert, tätowierte Männer dazu zu kriegen, sich auszuziehen. Ich sag nur:“Na, dann zeig mal her!“ und zack: nackig. Das macht man eben so. Dann gehen die Geschichten los, wo sie es haben stechen lassen und was es für ihr Leben bedeutet. Immer wieder spannend und manchmal auch bewegend!

Olivier ist ein Sammler. Mein persönliches Lieblingsstück war das Messer auf seinem linken Oberarm. Es war sein erstes Messer, das er sich leistete, als er mit 16 seine Lehre als Koch begann. Dieses Messer hat ihn unzählige Male verletzt, aber er hat damit auch alles gelernt, was man beim Zerkleinern drauf haben muss. Ein würdiger Kandidat, um auf der Haut verewigt zu werden.

Ein Mensch seines Stammes.

Ich sprach Gerhard an. Er ging einen Tag vor der Rainbow-Parade vor mir über die Ampel und seine nahezu schwarzen Beine zogen mich in ihren Bann. Er hatte nur einen schwarzen Stringtanga zu seinem T-Shirt an und einen Sonnenhut auf. Pikantes Outfit vor dem Burgtheater, in welches ich mit einer Freundin gerade gehen wollte.

Ich ging ihm nach und fragte ihn einfach, ob er sich mit mir zusammen fotografieren ließe. Gerhard war sehr freundlich und posierte bereitwillig mit mir, während meine Freundin uns mit dem Smartphone fotografierte. Die Reaktion der Leute auf diese spontane Aktion war unbezahlbar. Einige fragten sich sicher, ob das eine Kunst Performance sei und was sie mit dem Stück zu tun haben könnte.

Da wir uns auf Anhieb gut verstanden, fragte ich ihn, ob er Lust hätte, sich in meinem Studio etwas kunstvoller inszenieren zu lassen. Auch damit war er einverstanden und stand etwa eine Woche später vor meiner Kamera. Wir hatten uns viel zu erzählen während der Session. Da war eine bemerkenswerte Vertrautheit, die wunderschöne Stimmungsfotos entstehen ließ.

Das Portrait von Angela Davis und den darunter stehenden Werten sagt alles über seinen Träger. Seither sind wir befreundet und haben einen feinsinnigen Austausch über das Leben, die unterschiedlichen Wege und wohin diese einen führen. Und zu wem. Gerhard hat eine schöne Erklärung für unsere Verbundenheit: Wir sind Menschen eines Stammes. Ein Stamm, der nichts mit Hautfarbe oder Herkunft zu tun hat, sondern nur dieselben Werte teilt.

MNS oder Maulkorb.

Im Frühjahr 2020 brach die COVID-19-Pandemie aus und die Menschen wurden weltweit dazu verdonnert, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. In sämtlichen Social Media Kanälen präsentierten sich die Leute mit ihren Masken. Die meisten fanden diesen Pseudo-Ninja-Style wahrscheinlich cool. Ich nicht. Dennoch hatte ich das Bedürfnis, diesen unfreiwilligen Trend fotografisch festzuhalten.

In einem Gespräch beklagte sich eine meiner Freundinnen, dass sie sich mit dem Ding fühle, wie mit einem Maulkorb. Des Weiteren sei es auch hochinteressant, wie die Europäer seit Jahrzehnten auf die Verhüllung der muslimischen Frauen schimpfen, aber die neu verordnete Vermummung wurde sofort angenommen und zu einem gewissen Grad sogar kultiviert. Da kam die Idee.

Ich fragte Anna, die ich wegen ihrer ausdrucksstarken Augen für besonders geeignet hielt, ob sie mir für dieses Foto Modell stehen würde. Sie zögerte kurz, weil sie seit Monaten nicht beim Frisör und der Ansatz dementsprechend rausgewachsen war. Noch besser, sagte ich, ein weiteres wichtiges Zeichen dieser Zeit. Die Haare gerieten allmählich bei Allen außer Kontrolle.

Ich wollte das Bild einer wilden Frau kreieren, der man zwar einen Maulkorb angelegt hat, die diesen aber mit Würde trägt und nichts von ihrer Stärke einbüßt. Danke, liebe Anna, dass du meine Idee auf so perfekte Weise verkörpert hast!

Wie Susanne zu mir kam.

Susanne und ich trafen uns ursprünglich, weil ich mich mit ihr über Barrierefreiheit im Web unterhalten wollte bzw. nach einer professionellen Testerin suchte. Sie ist eine zertifizierte Prüferin und konnte mir all meine Fragen beantworten, die mir eine sehende Person vielleicht nicht so einfach hätte beantworten können. Ein sehr wertvolles Treffen mit einer beeindruckenden Frau!

Natürlich habe ich ihr auch von mir und meinen Leidenschaften erzählt, wo die Portrait-Fotografie ganz vorn steht. Sie hat in diesem Gespräch ein solches Vertrauen zu mir aufgebaut, dass sie sich spontan entschlossen hat, Businessportraits bei mir im Studio machen zu lassen. Davor fürchte sie sich ein bisschen, aber sie brauchte so dringend welche.

Das Shooting war für uns beide eine Herausforderung. “Blindes Vertrauen” hat seither eine tiefere Bedeutung für mich. Das ist schon ein ganz anderer Energieaufwand, wenn ein essenzieller Sinn einfach nicht vorhanden ist. Da muss man von Gesten auf Worte umsatteln und noch viel mehr Spiegel sein als sonst. Die Regie wird bewusster, weil ich sie in verständliche Worte fassen muss, wo ich ansonsten einfach herum hample und es vor mache.

Mit dem Ergebnis waren wir beide happy. Ihr Mann hat ihr die Fotos beschrieben und am Ende gesagt: “Nur das Original ist schöner!”

Die schöne Dagmar.

Dagmar hat alle Attribute, die man gemeinhin als „schön“ bezeichnen würde. Große blaue Augen, Schmollmund, dichtes blondes Haar, schlanke Figur. Auch an innerer Schönheit mangelt es ihr nicht. Dennoch hasste sie es, fotografiert zu werden, weil sie sich einfach nie gefiel.

Sie kam zu mir mit dem Wunsch, diese Kamerascheue zu überwinden, weil ihr das schon selber auf die Nerven ging. Sie ging ja auch als Laienschauspielerin auf die Bühne und hatte es dort auch geschafft, ihr Lampenfieber in den Griff zu bekommen. Das hatte ihr aber ihr Unwohlsein vor einer Kamera nicht genommen.

Ich war neugierig, wo das Problem liegen könnte und ließ sie einfach mal posen. Nach fast jedem Bild wollte sie schauen und kontrollierte sich auch ständig im Spiegel. Aha, Kontrolle war es also. Kennen wir das nicht selber auch? Also versicherte ich ihr, dass wir die Fotos nach der Session gemeinsam sichten und sie ALLE sofort löschen darf, die sie nicht mag. Und jetzt solle sie sich mal in ganz andere Situationen versetzen, die nichts mit Darstellung zu tun haben und mir ihre Geschichten ganz ohne Worte erzählen.

Es wurde eine unglaublich intensive „Zusammenarbeit“ mit wunderschönen Ergebnissen. Zum Abschied sagte sie zu mir: „Du hast es geschafft, meine große Abneigung, fotografiert zu werden, in etwas zu verwandeln, was ich jetzt immer wieder haben möchte. Eine echte Befreiung. Danke!“   

Romana wollte es wissen.

Romana hatte das verbreitete Problem: sie fand sich immer schrecklich auf Fotos. Wirklich immer! „Da erkenne ich mich einfach nicht! So sehe ich mich nicht.“ Sie hat deshalb Fotosituationen gemieden, bis sie in die Verlegenheit kam, dass sie ein paar sympathische Bewerbungsfotos brauchte.

Da ich mich mit meinen Behauptungen recht weit aus dem Fenster lehnte, wollte sie es wissen! Wie ALLE Menschen mit der Überzeugung, völlig unfotogen zu sein, hielt sie sich natürlich für den aussichtslosesten Fall. Dennoch wollte sie ausprobieren, ob ich es auch bei ihr schaffe, was ich lauthals versprach.

Wie in den meisten Fällen war es die Anspannung. Und was hilft da? Bewegung und Aaatmen! Also scheuchte ich sie hin und her, ließ sie lustige Posen einnehmen, stachelte sie an, mir ihre Lieblingsfratzen zu zeigen und forderte sie unablässig auf, zu atmen. Die Situation bekam eher was von kindlichem Wettbewerb „Ey, kannst’e das hier?“. Die Bewerbungsfotos wurden fast nebensächlich. Vorrangig war der Spaß an der Situation.

Ja, es hat seine Zeit gebraucht. Ja, wir haben etwa 2 Drittel der Bilder umgehend gelöscht. Allerdings auch Tränen gelacht dabei. Und Romana war ganz aus dem Häuschen, wie gut sie sich auf vielen Fotos gefiel. „Coole Tricks hast du da, die merk ich mir!“ Sehr gut! Dafür mach ich doch den ganzen Zauber.

Yin Yang

Ich gebe es zu: ich mag den schwarzen Hintergrund viel lieber als den weißen. Bei Bewerbungs- oder Businessfotos ist heller Hintergrund quasi Pflicht, aber gerade privat darf es nach meinem Geschmack gern ein bisschen dunkler werden. Die weißen Strahlefotos mache ich nur auf ausdrücklichen Wunsch, empfehle aber natürlich die dunkle Umgebung. Für mich ist sie künstlerischer und stimmungsvoller. Meistens komme ich damit durch.

Eine meiner Stammkundinnen bestand nun aber auf weiß. Dunkel hätte sie genug, sie wolle mal was anderes. Mist! Meine bewährte Modellierung mit dem Licht, um meine Modelle mystisch aus dem Dunkel hervor zu holen, funktioniert im grellen Licht einfach nicht. Auch wirken ganz viele Posen voll ausgeleutet eher flach bzw. sind einfch nicht so sexy.

Egal, der Job war, auch unter diesen Bedingungen stimmungsvolle Fotos eines schwangeren Paares hinzubekommen. Aus Erfahrung mit den Beiden wusste ich zumindest, dass sie sich auf alles einlassen und extrem unkompliziert sind. Also: Kontrolle ablegen und sich der Situation hingeben, wie ich es immer predige.

Oh Gott, war das lustig! Wir haben alle möglichen Konstellationen aus jeder vertretbaren Perspektive ausprobiert und ich habe dabei am meisten gelacht. In dieser heiteren Stimmung entstand unter anderem dieses starke Portrait, welches meinen künstlerischen Anspruch erfüllt und definitiv nur mit diesem Licht so zu machen war.